Publikation

'Arno Schmidt: Darmstadt in der Barbarei'

Erzählungen aus seiner Darmstädter Zeit

Herausgegeben und kommentiert von Ulrich Joost
Veröffentlichung: 2019
Justus von Liebig Verlag, Darmstadt
228 Seiten
ISBN 978-3-87390-425-5
GHL-Nr.: 130

Zum Inhalt

Im Jahr 1949 tritt der nicht mehr so ganz junge Arno Schmidt mit dem Paukenschlag des „Leviathan“ in die Literatur. 30 Jahre später und nach einem in Umfang, Gehalt und Gestalt wahrhaft großen Werk stirbt er in seiner Wunschlandschaft, der Lüneburger Heide.

Vor juristischer Verfolgung wegen Gotteslästerung und Pornographie war Schmidt im September 1955 aus dem konservativen Amtsgerichtsbezirk Trier ins liberalere Darmstadt geflohen – das hiesige Gericht schlug die Klage nieder und rettete ihn. So wurde ihm nicht nur ökonomisch die Stadt, sondern auch, wie selbst die kleinen hier ausgehobenen Proben seiner Erzählkunst zeigen, in der Genese seines Werks zu einem entscheidenden Dreh- und Angelpunkt.

Leseproben

Geleitwort von Peter Benz:

Der große Einzelgänger der deutschen Literatur in der alten Bundesrepublik, Arno Schmidt, kam eher zufällig im September 1955 nach Darmstadt. Nach Kriegsentlassung lebten er und seine Frau Alice zunächst unter äußerst prekären Verhältnissen in einem kleinen Dorf am Rande der Lüneburger Heide, entschlossen, freier Schriftsteller zu werden. Seine Frau hatte sich entschieden, unter Aufgabe ihres Berufs ihrem Mann als Sekretärin zu dienen. Ihre Tagebücher legen davon beredtes Zeugnis ab. 1951 wurde ihm der Große Akademie-Preis für Literatur der Mainzer Akademie zuerkannt, der in diesem Jahr auf fünf Empfänger aufgeteilt war.

Nach vorübergehender Wohnung in Gau-Bickelheim bei Mainz zogen die Schmidts 1951 nach Kastel/Saar.
Hier entstand seine Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“, jene Sommeridylle an einem See in Niedersachsen, die der Ich-Erzähler mit seinen erotischen Erlebnissen in freizügig-deftiger Schmidt’scher Manier und religionsfeindlichen Kommentaren würzt, was in den damaligen gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse den Tatbestand der Pornographie und Blasphemie erfüllte. Ein Verfahren wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften gegen Schmidt, den Herausgeber Andersch und den Verleger wurde nach zwei Anzeigen eingeleitet. Schmidts Vernehmung durch den Amtsrichter geriet zur Realsatire. Alice erinnerte sich: „Er (der Amtsgerichtsrat) halte die ganze Poca für Schmutz und Schund … Bestimmte Stellen müssten doch Arnos Ansicht sein. Er schreibe ja ausdrücklich ‚ich‘. A. erwiderte, was Goethe Mephisto sprechen ließe, sei ja auch nicht Goethes Ansicht. Der Amtsrichter: Ob er sich denn mit Goethe vergleiche?“

Von diesem Vorgang erhielt der Präsident der Darmstädter Sezession, Eberhard Schlotter, durch den Schriftsteller Ernst Kreuder Kenntnis – dieser hatte Schmidt bei der Mainzer Akademie-Preisverleihung kennengelernt. Schlotter bot dem Ehepaar Schmidt an, sich im liberalen Darmstadt anzusiedeln. Die Habseligkeiten wurden auf einen LKW gepackt und in Schlotters Atelier untergestellt, bis auf Vermittlung der Stadt eine Wohnung in der Inselstraße 42 für die beiden und Katze Purzel gefunden wurde. Der damalige Kulturbeamte und spätere Oberbürgermeister Sabais sowie der Theaterkritiker und Feuilleton-Chef des Darmstädter Echo, Georg Hensel, kümmerten sich angelegentlich um das Ehepaar. Die Pocahontas-Anklage wurde später nach einem literaturwissenschaftlichen Gutachten des Präsidenten der Akademie für Sprache und Dichtung, Hermann Kasack, niedergeschlagen.

In der einen Stube, „Wohn=, Schlaf=, Eß=Raum, sowie Folterkammer (man kann’s auch Arbeitszimmer nennen; oder ganz vornehm, Studio)“, wie Schmidt in der hier abgefassten Erzählung „Goethe und einer seiner Bewunderer“ seine Unterkunft beschrieb (s. S. 48), entstanden auch weitere zentrale Werke des Schmidt’schen OEuvres: „Geschichten aus der Inselstraße“, „Tina oder über die Unsterblichkeit“, „Die Gelehrtenrepublik“, „Nachtprogramme“ für den Rundfunk und einige Übersetzungen. Die Beziehung zu Darmstadt gestaltete sich schwierig und bissig, wie unzählige Bemerkungen in Briefen (u.a. im Briefwechsel mit Eberhard Schlotter) zeigen. Von Darmstadt sprach er generell nur vom „Darm“, das sich in der Barbarei befinde. In einer Tagebucheintragung von Alice könnte man eine Begründung erkennen, weshalb sich die Aversion Arno Schmidts immer mehr steigerte: „Die (Darmstädter) würden allen Künstlern große Renten und Preise geben und da täten sie dann nichts mehr, sondern kämen zusammen und quatschten und söffen nur …“.
Ob Schmidt auf den Büchnerpreis spekulierte, den er nicht bekam, obwohl er Kasimir Edschmid, den Akademie-Vizepräsidenten, zeitweilig für den einzigen ernstzunehmenden Darmstädter hielt, dem allein er seine Texte in die Hand gebe, werden wir nie erfahren. Er selber hat es nicht einmal angedeutet. Von den Kollegen separierte er sich immer mehr, trat sogar aus der „Sektion“, die ihn gewählt hatte, wieder aus. Im November 1958 verließ das Ehepaar Darmstadt und zog in die Heide – mit dem dissonanten Schluss-Akkord: „Lieber tot in der Heide als lebendig in Darmstadt“.

Ein Künstler darf ungerecht sein, zumal wenn seine Motive so ehrenwert sind: nicht faul und fett zu werden, um ein großes und bedeutendes Werk schaffen zu können. Hier in Darmstadt aber konsolidierte sich seine wirtschaftliche Lage allmählich, hier entwickelte er sich entschieden weiter in dem, was ihn auszeichnete. Hier befestigte er seinen Weg zu einem der eigenwilligsten, Sprache und Form erneuernden deutschen Schriftsteller nach 1945. Immer außerhalb der literarischen Hauptströmungen stehend und doch „genuin“ (Helmut Heißenbüttel), fand Schmidt zu dem grandiosen und unverwechselbaren stilistischen Profil in seiner frechen und humorvollen, dabei mitunter bitteren, unkonventionellen, aufklärerischen, antimilitaristischen und antiklerikalen Haltung. Gerade diese Periode seines Lebens und Werks verdient, einmal wieder von hier aus in Erinnerung gerufen zu werden, weshalb der Vorstand der Hessischen Literaturfreunde Ulrich Joosts Anregung sofort aufnahm, mit vorliegender eingehend kommentierter Auswahl seiner Darmstädter Erzählungen den kurzzeitig auch Darmstädter Dichter in seinem 40. Todesjahr zu ehren.
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