Publikation

'Erste Schritte, letzte Wege'

Erzählungen

Autor: Ralf Schwob
Veröffentlichung: 2020
Justus von Liebig Verlag, Darmstadt
136 Seiten, 14.80 EUR
ISBN 978-3-87390-439-2
GHL-Nr.: 131

Zum Inhalt

Der Anfang. Das Ende. Und alles, was dazwischenliegt. In Ralf Schwobs Erzählungen geht es um Schlüsselerfahrungen menschlicher Existenz. Die jugendlichen Protagonisten seiner Coming-of-Age- Geschichten erzählen von der ersten großen Liebe, von enttäuschter Freundschaft und der Entzauberung der Eltern sowie von der unausweichlichen ersten Begegnung mit dem Tod. Aber auch die erwachsenen Erzähler in Schwobs Geschichten erweisen sich als äußerst erschütterbare Existenzen: Jemand verliert sein Gedächtnis und findet nicht mehr in sein altes Leben zurück, ein Mann erweist seinem Bruder einen heiklen Liebesdienst, ein Paar fährt einen Hund an und wird dadurch auf die eigene Leidensgeschichte zurückgeworfen …

Dieser Band versammelt 19 teilweise preisgekrönte Erzählungen des Autors aus den Jahren 2000 bis 2018.

Leseproben

Seemannsköpper

Steffen ist runter. Gestern Nachmittag. Im Seemannsköpper vom Zehner. Sogar die Kichertussis, die immer hinten am Geländer stehen, hätten applaudiert, sagt Torsten. Wo warst du eigentlich gestern?, fragt er. Kein Bock gehabt, lüge ich.

Gestern musste ich meinem Vater helfen, den schweren Schreibtisch und ein paar andere Möbel zu transportieren. Im Treppenhaus setzte ich die Kante der Schreibtischplatte voll gegen die Wand und mein Vater holte tief Luft und lief puterrot an, aber dann entspannte er sich wieder und sagte nur leise: Pass einfach besser auf, ja? Unten luden wir die Möbel in einen kleinen Transporter, den er sich für den Nachmittag von einem Kollegen geliehen hatte. Als wir fertig waren, schrieb er mir seine neue Adresse auf. Ich wusste nicht, ob ich ihn zum Abschied umarmen oder ihm nur die Hand geben sollte, und weil er das anscheinend auch nicht wusste, nickten wir uns nur zu, bevor er in den Wagen stieg und davonfuhr. Oben in der Wohnung waren jetzt überall helle Flecken und Druckstellen auf dem Teppich, wo zuvor die Möbel gestanden hatten. Als meine Mutter später nach Hause kam, ging sie mit einer Liste durch alle Zimmer. Er hat nur mitgenommen, was ihr verabredet habt, sagte ich, und meine Mutter sah mich an und sagte: Das will ich ihm auch geraten haben.

Steffen ist runter, sagt Dinah und blinzelt in die Sonne. Schon gehört, sage ich, und jetzt? Ich lege mich neben Dinah auf die Decke. Sie ist allein, die anderen sind im Wasser oder auf dem Turm. Nichts jetzt, sagt sie, mach’ dir doch keinen Druck. Mach’ ich auch nicht, sage ich und Dinah lächelt.
Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel mit einer Telefonnummer in Mutters Handschrift. Daneben eine Stange Billigzigaretten und eine handvoll Kleingeld. Essen ist in der Mikro, ruft sie aus dem Bad. Ich werfe die Tasche mit den Schwimmsachen in mein Zimmer und gehe zu ihr. Sie sitzt auf dem Wannenrand und lackiert sich die Fußnägel. Ich weiß nicht, ob sie das schon früher immer gemacht oder jetzt erst damit angefangen hat. Und? Schönen Tag gehabt?, fragt sie, ohne mich dabei anzusehen. Seit wann rauchst du wieder?, frage ich zurück, und da hält meine Mutter kurz inne und sieht mich erstaunt an: Geh’ mir jetzt bitte nicht auf die Nerven, ja? Später liege ich auf meinem Bett und denke an den Nagellack. Es ist dasselbe grelle Rot, mit dem sich einige Mädchen aus meiner Schule in diesem Sommer die Fußnägel bemalen. Aber nicht Dinah. Dinah findet Nagellack albern. Schon allein wegen der blöden Kichertussis vom Sprungturm.

Ich bin runter, sagt Steffen und die Erleichterung ist ihm noch Tage danach ins Gesicht geschrieben. Er steht vor mir in der Warteschlange am Kassenhäuschen und zählt sein Geld. Glückwunsch, sage ich und Steffen nickt. Ist eigentlich gar kein Ding, sagt er, man darf nur nicht zuviel dabei denken.

Mein Vater ist unrasiert und hat einen großen weißgrauen Kleisterfleck auf seinem Business-Hemd. Komm rein, sagt er, komm rein. Die Wohnung ist viel kleiner als ich sie mir vorgestellt habe. Die Couchgarnitur aus unserem Esszimmer und Vaters großer Schreibtisch, auf dem noch drei halbausgepackte Pappkartons stehen, füllen fast das ganze Wohnzimmer aus. Im kleineren der beiden Zimmer liegt eine Matratze mit zerwühltem Bettzeug auf dem Boden und Vaters Anzüge hängen daneben auf einer fahrbaren Kleiderstange. Er sieht mich an und zuckt mit den Achseln: Bin noch nicht ganz fertig geworden. Anschließend fahren wir in den Baumarkt, und danach lädt er mich zum Essen ein. In der Pizzeria sind wir die einzigen Gäste, es ist noch viel zu früh. Vater bestellt sofort für jeden von uns ein Bier. Als er sieht, dass ich nur zögerlich an dem Glas nippe, lächelt er und sagt, ich solle mir ruhig etwas anderes bestellen, und zieht das Glas zu sich rüber. Als die Bedienung wieder an unseren Tisch kommt, sieht er mich fragend an. Eine Cola, sage ich.

Ich bin noch nicht runter. Natürlich sagt das keiner. Aber alle wissen es. Mann, scheiß’ doch drauf, sagt Torsten, für den Kinderkram sind wir doch eigentlich eh schon viel zu alt. Klar doch, sage ich, klar doch. Torsten hat gut reden. Er war der Erste, der in diesem Sommer gesprungen ist.

Jeden Samstag dasselbe: Die Mädchen tanzen und die Jungs stehen dumm rum. Torsten beugt sich zu mir rüber und versucht mir was zu erzählen, aber die Musik ist zu laut. Noch vor zwölf hauen wir von der Party ab, klettern über den Zaun des Schwimmbads und ziehen uns alles aus. Torsten hat Nadja überredet und Dinah mich. Vom Dreier ins schwarze Wasser dauert es eine Ewigkeit, Torsten macht den Affen und zerrt Nadja an den Beckenrand, Dinah ist schon abgetaucht. Später, nebeneinander im nachtkühlen Gras liegend, die Arme unter dem Kopf gekreuzt und den Blick in den Himmel gerichtet, dichtet jeder dem anderen einen Beruf an, eine Karriere, ein Leben. Ich spüre, wie Dinah im Dunklen meine Hand sucht, sich ihre Finger immer wieder vortasten und wie zufällig über meinen Handrücken streichen. In zehn Jahren werden wir uns an heute erinnern und darüber lachen, sagt Torsten auf einmal. Und in zwanzig, sage ich, aber dann fällt mir nichts dazu ein, und der Satz bleibt unvollendet und klingt wie eine Frage. Dinahs Hand liegt jetzt auf meiner. Sind sie nicht süß, unsere Bubis, kichert Nadja, aber niemand lacht.

Meine Mutter geht mit großen Schritten von Wand zu Wand. In der einen Hand hält sie das Telefon, mit der anderen presst sie sich den Hörer ans Ohr. Das weißt du doch genau, sagt meine Mutter, sagt: Komm mir jetzt bloß nicht so. Sie wickelt sich beim Auf- und Abgehen das Kabel um die Finger, nimmt im Vorbeigehen eine Zigarette aus dem Päckchen auf dem Tisch und behält sie unangezündet zwischen den Lippen. Arschloch, sagt sie, aber da hat sie bereits aufgelegt und sitzt vornüber gebeugt am Küchentisch, den Kopf in die Hände gestützt. Hallo, sage ich leise und bleibe im Türrahmen stehen. Meine Mutter zuckt zusammen und sieht mich überrascht an: Ich habe gar nicht gehört, wie du gekommen bist.

Hör mal, sagt mein Vater, da wird sich gar nichts ändern. Er rührt in seinem Cappuccino und sieht schon wieder verstohlen auf die Uhr. Habe eigentlich nur eine halbe Stunde Mittag, sagt er entschuldigend. Also, setzt er noch mal an, was dich und mich betrifft, da musst du dir gar keine Sorgen machen. Ich nicke. Mein Vater trinkt seinen Cappuccino in großen Schlucken aus und sieht mich an. Hängt natürlich auch alles ein bisschen von deiner Mutter ab, sagt er und zwinkert mir zu. Er holt einen Schein aus seiner Brieftasche und legt ihn auf den Bistrotisch. Ich muss los, sagt er und dass ich ihn jederzeit anrufen kann. Erst als ich ihn durch die große Scheibe mit flatternder Krawatte die Straße überqueren sehe, fällt mir ein, dass er mir seine neue Telefonnummer noch gar nicht gegeben hat.

Einer muss noch runter, sagt Nadja und grinst. Alle tun so, als hätten sie es nicht gehört, aber ich habe keine Lust mehr, stehe auf und packe meine Sachen. War doch nur Spaß, mault Nadja und verdreht die Augen. Als ich gehe, glotzen mir alle nach. Ich nehme die Abkürzung über die Brücke zu den Umkleidekabinen, verschwinde in der erstbesten und will gerade die Tür verriegeln, da schlüpft Dinah hinter mir in den Verschlag. Kalt hier drinnen, sagt sie und schmiegt sich an mich, die rotblonden Härchen auf ihrer Gänsehaut sind fast durchsichtig. Dinah riecht nach Sonnencreme und Liegewiese, sie trägt ihren gelben Bikini mit den ultradünnen Spaghettiträgern. Hinter ihrem Rücken bröselt etwas hellblaue Farbe von der Kabinentür auf den nassen Steinfußboden. Sie nimmt meine Hand und legt sie auf ihre Brust. Im Spalt zwischen den Kabinenlatten und dem abgehobenen Dach steht ein Junge auf dem Fünfer und ruft immer wieder aufgeregt nach einem Thomas. Bist du verrückt, sagt Dinah, doch nicht so fest. Dinah will wissen, was eigentlich mit mir los ist. Nichts, sage ich, gar nichts.

Meine Mutter hat mir einen Zettel geschrieben. Es wird spät, steht drauf, sonst nichts. Sie hat einen 50-Mark-Schein dazugelegt und mit ihrer Kaffeetasse beschwert, der Rand der Tasse ist mit blassrotem Lippenstift verschmiert. Ich nehme das Geld und stecke es in die Tasche, lege mich aufs Bett und starre die Decke an. Langsam tastet sich die Dämmerung ins Zimmer und von unten dringen Sommerabendgeräusche herauf: irgendwo in der Nachbarschaft wird gegrillt, ein Radio läuft und eine Autotür wird zugeschlagen, jemand begrüßt Gäste. Auf einmal muss ich daran denken, wie ich als Kind abends immer die gedämpften Stimmen meiner Eltern aus dem Wohnzimmer gehört habe, und wie einer von beiden später, bevor sie selbst zu Bett gingen, noch einmal in mein Zimmer kam, um nach mir zu sehen.

Auf der Party gibt es nicht nur Bier, sondern auch Asbach-Cola und Baileys. Als ich komme, sind die Ersten bereits besoffen. Nadja und die anderen Mädchen tanzen ohne Schuhe und die Jungs sitzen mit aufgestützten Armen an der Partykeller-Theke. Wo ist eigentlich Dinah?, frage ich nach einer Weile Torsten, der als Einziger noch vollkommen nüchtern zu sein scheint. Torsten holt tief Luft und bläst die Backen auf. Keine Ahnung, sagt er, die habe ich den ganzen Abend noch nicht gesehen. Dinah kommt später und sieht mich nicht an. Sie hat einen Arm um Steffens Hüfte gelegt und lehnt ihren Kopf an seine Schulter. Steffen grinst dümmlich, weiß nicht wohin mit seinen Händen. Torsten zuckt mit den Achseln: Wusste ich echt nichts von, musste mir glauben.

Ich will schon wieder gehen, da macht er doch noch auf. Es dauert einen Moment, bis er mich erkennt. Entschuldige, sagt er, bin wohl vor dem Fernseher eingeschlafen. Im Wohnzimmer lässt er schnell etwas hinter der Couch verschwinden, bevor ich es sehen kann. Der kleine Fernseher steht mit zusammengerolltem Netzkabel in der Ecke. Alles klar?, fragt mein Vater mit schwerer Zunge. Alles klar, sage ich, dann schweigen wir. Er hat sichtlich Mühe, seinen Kopf gerade zu halten. Du kannst gern hier bleiben, sagt er auf einmal und macht mit der Hand eine vage Bewegung in den halbdunklen Raum hinein. Nein, sage ich, schon gut, hab’ noch was vor.

Nachts weht ein kühler Wind auf dem Zehner. Man kann die Lichter der Stadt von hier oben aus sehen, aber das Wasser unter einem bleibt selbst bei genauem Hinschauen unsichtbar. Ich lehne mich an das nachtkalte Geländer und warte, bis sich die Gänsehaut auf meinem Rücken wieder verflüchtigt hat. Kinderkram, denke ich, alles nur blöder Kinderkram, und dann lege ich entschlossen die Arme an den Körper, renne los und werfe mich kopfüber dem Lichtermeer entgegen, das schwarze Wasser unter mir.

Hundeleben

„Ich habe mich entschieden“, sagt sie auf der Heimfahrt, „ich gehe am Montag nicht mehr zurück“, aber noch bevor ich richtig begreife, was sie da gesagt hat, schreit sie schon: „Pass doch auf!“
Nach der Vollbremsung steht der Wagen quer auf dem Seitenstreifen und die Scheinwerfer strahlen über den Straßengraben hinweg in das dichte Unterholz einer Schonung. Mein erster Blick geht in den Rückspiegel, aber glücklicherweise ist niemand sonst auf der Straße gewesen.
„Was war das?“, fragt Anne, die Hände an die Ohren gelegt, als erwarte sie im nächsten Moment einen lauten Knall.
„Ich weiß nicht“, sage ich, drehe kurz die Innenbeleuchtung an und sehe mich im Wagen um. Ihre Tasche ist vom Rücksitz gefallen und die Blätter aus ihrer Krankenakte, die obenauf gelegen hatte, liegen nun alle verstreut im Fußraum. Irgendetwas war für eine Sekunde durch den Lichtkegel der Scheinwerfer gehechtet, der Wagen hatte es erfasst und in den Graben geschleudert.
„Ein Tier“, sage ich, „wahrscheinlich ein Reh.“ Jetzt erinnere ich mich auch wieder, weiter vorne ein entsprechendes Warnschild gesehen zu haben, den springenden schwarzen Hirsch im rotumrandeten weißen Dreieck, aber ich bin die Strecke in den letzten Monaten so oft gefahren, dass ich nicht mehr bewusst darauf geachtet, geschweige denn mit einer echten Gefahr durch Wildwechsel gerechnet habe. Ich lege den Rückwärtsgang ein und setzte vorsichtig ein Stück zurück, nehme die Taschenlampe aus dem Handschuhfach und steige aus, um nachzusehen, ob der Wagen etwas abbekommen hat.
Auf den ersten Blick kann ich weder Beulen noch Wildspuren am Kühler entdecken und bin erleichtert, aber dann steigt Anne auf der Beifahrerseite aus und nimmt mir wortlos die Taschenlampe aus der Hand. Sie schreitet langsam den Seitenstreifen ab und leuchtet in den Graben, der die Fahrbahn von der Schonung trennt. Nach ein paar Metern ist nur noch der Lichtstrahl der Taschenlampe und die gelbe Strickmütze, die sie seit ein paar Wochen auch zu Hause nicht mehr abnimmt, schwach in der Dunkelheit zu erkennen.
„Komm zurück und lass uns nach Hause fahren“, rufe ich ihr zu, und Anne bleibt abrupt stehen, reagiert damit aber gar nicht auf meinen Ruf, sondern hat anscheinend etwas entdeckt. Sie lässt den Lichtkegel der Taschenlampe immer wieder über einer bestimmten Stelle kreisen. Ich will gerade noch einmal nach ihr rufen, da klettert sie in den Graben.
Als ich an der Stelle, an der Anne hinuntergestiegen ist, ankomme, sehe ich sie unten mit der Taschenlampe hantieren. Sie kniet vor einer unförmigen Masse aus schwarzem Fell und macht mir Zeichen auch herunterzukommen.
„Nicht anfassen“, sage ich, aber Anne stört sich gar nicht daran, drückt mir die Taschenlampe in die Hand und beginnt mit beiden Händen den Fellhaufen zu untersuchen. Der Tierkörper hechelt und wimmert, und als Anne die Schnauze ein Stück anhebt und beruhigend, fast zärtlich auf das Tier einredet, sehe ich seine Augen.
„Das ist ja ein Hund“, sage ich, „wo um alles in der Welt kommt denn hier ein Hund her?“ Anne sieht mich einen Moment an, als habe ich den Verstand verloren. „Das ist doch vollkommen egal“, sagt sie dann, „wir haben ihn angefahren, jetzt müssen wir uns um ihn kümmern.“ Sie versucht, den Hundekörper anzuheben, aber er ist zu schwer, außerdem fängt das Tier sofort an, erbärmlich zu winseln. Wahrscheinlich, denke ich, hat er innere Verletzungen und blutet irgendwo ein.
„Hol eine Decke“, sagt Anne und als ich mich nicht sofort bewege, richtet sie die Taschenlampe auf mich und strahlt mir mitten ins Gesicht, so dass ich die Hände schützend vor die Augen legen muss. „Anne, hör doch auf mit dem Quatsch.“
„Nein, du hörst auf“, faucht sie, „hol jetzt die Decke.“
Auf dem Weg zum Wagen fällt mir wieder ein, was sie kurz vor dem Unfall gesagt hat. Ich kenne das. Es bedeutet, dass sie heute Abend nicht mehr mit mir darüber reden möchte und wahrscheinlich auch morgen noch nicht. Am Sonntag vielleicht.
Die Decke liegt im Kofferraum. Sie riecht nach altem Schmierfett und Benzin, und als ich sie herausnehme, fühle ich den öligen Stoff zwischen meinen Fingern. Auf dem Rückweg höre ich schon von weitem, wie Anne auf das Tier einredet, ich verstehe nicht, was sie sagt, aber die Melodie ihrer Stimme klingt wie bei einem Wiegenlied, als wolle sie den Hund in den Schlaf singen. Ich leuchte in den Graben und sehe, dass der Kopf des Hundes jetzt in Annes Schoß liegt, sehe die halbgeschlossenen Augen des Tiers und das Blut, das unaufhörlich aus seinem Maul sickert, ein großer dunkler Fleck hat sich bereits auf Annes Jeans ausgebreitet. „Anne“, sage ich, „Anne, das hat doch alles keinen Sinn, siehst du denn nicht ...“
„Doch“, sagt Anne mit geschlossenen Augen, „doch, ich sehe.“
Als wir ihn auf die Decke heben, spüre ich die nachlassende Spannung in dem großen Hundekörper, sein Herz schlägt nur noch schwach und unregelmäßig unter dem blutverkrusteten Fell. Wir benutzen die Decke als Tragetuch und schleppen den Hund die Böschung hinauf. Als wir oben angekommen sind, zittert Anne am ganzen Körper. Heute Nachmittag habe ich dem Arzt im Krankenhaus noch versprochen, jede körperliche Anstrengung von ihr fernzuhalten.
„Lass ihn uns einen Moment absetzen“, sage ich und Anne widerspricht nicht, sondern hilft mir, die improvisierte Trage vorsichtig auf dem Seitenstreifen abzusetzen. Sie stützt die Hände auf die Oberschenkel und beugt sich vornüber, um besser Luft zu bekommen. „Wie geht’s Dir?“, frage ich sie, aber Anne antwortet nicht. Der Hund liegt mit angewinkelten Vorder- und Hinterläufen in der Decke zwischen uns. Im Schein der Taschenlampe schimmern die feinen Härchen an seiner Schnauze, die aufgedunsene fleischrote Zunge liegt gut sichtbar zwischen den Zahnreihen. Er öffnet die Augen und beginnt wieder, leise zu winseln.
„Hol den Wagen“, sagt Anne, als sie wieder sprechen kann. Sie steht immer noch nach vorn übergebeugt, hat aber den Kopf gehoben und sieht mich an. „Fahr genau hier ran, dann können wir ihn mit einer einzigen Bewegung auf den Rücksitz wuchten.“
Ich kann ihr Gesicht in der Dunkelheit nicht sehen, aber ich weiß, dass es jetzt mit ziemlicher Sicherheit die gleiche entschlossene Unnahbarkeit zeigt wie damals, als es anfing. Aber dann waren ihre Blutwerte von einem Tag auf den anderen wieder normal, und obwohl der Arzt sagte, die plötzliche Verbesserung sei wahrscheinlich ebenso wenig nachhaltig wie die vorherige Verschlechterung, war es für eine kurze Zeit doch wieder einfacher für sie gewesen, Hoffnung zu haben.
Hinter dem Lenkrad sitzend sehe ich, wie Anne sich weiter vorne auf dem Seitenstreifen über den Hund beugt. Die Scheinwerfer streifen das Tier nur, so dass es von hier aus betrachtet auch ein Mensch sein könnte, eine gekrümmte Gestalt im schwarzen Mantel, die da am Straßenrand liegt und verblutet.
Wir machen es so, wie Anne vorgeschlagen hat. Allerdings brauchen wir drei Anläufe, bis wir das Tier endlich auf dem Rücksitz haben. Der Körper des Hundes hängt träge und schwer wie nasser Sand in der Decke, die sich trotz des Öls mit Blut vollgesogen hat. Anne beugt sich im Wagen noch einmal nach hinten und sucht die Schnauze des Hundes. „Ich kann seinen Atem an meiner Hand spüren“, sagt sie flüsternd, „ jetzt fahr los.“
Als wir die nächste Ortschaft erreichen, ist der Hund ganz still. Nur ab und zu gibt er ein hohes Fiepen von sich, das sich anhört, als würde Luft aus einem Ventil entweichen. Die Lichter der Straßenlaternen ziehen fahle Streifen über Annes Gesicht, einmal hat sie die Augen kurz geschlossen, aber schon im nächsten Moment schreckt sie wieder auf und tastet nach dem Hundekörper.
Der Tierarzt empfängt uns an der Tür. „Ich habe einen Hund angefahren“, sage ich und er nickt, als habe er schon die ganze Zeit auf uns gewartet.
Zu zweit schleppen wir den Hund in die Praxis und legen ihn auf den Behandlungstisch. Im hellen Schein der Untersuchungslampe sieht der Hund viel kleiner aus als die ganze Zeit im Halbdunkeln. Der Arzt zieht sich Gummihandschuhe an, dann tastet er den Hundkörper ab. Anne ist ganz nah an den Tisch herangetreten und beobachtet die Prozedur, und als ich sie ein Stück zurückziehen will, weil ich glaube, dass sie im Weg steht, schüttelt sie meine Hand mit derartiger Heftigkeit ab, dass der Tierarzt kurz innehält und zu uns aufschaut. Dann greift er unter die Schnauze des Hundes und schiebt zwei Finger in sein Maul, zieht die Augenlider zurück und leuchtet mit einer Stablampe in die erloschenen Pupillen.
„Tut mir leid“, sagt der Arzt zu Anne, „da ist nichts mehr zu machen.“ Er zieht die Handschuhe aus, wirft sie in einen kleinen Treteimer unter dem Tisch und beginnt, sich an dem Waschbecken in der Zimmerecke gründlich die Hände zu waschen.
Als wir wenig später alle zusammen zur Tür gehen, will ich ihm unsere Adresse geben, damit er die Untersuchung in Rechnung stellen kann, aber er schüttelt den Kopf. „Gehen Sie jetzt nach Hause und entspannen Sie sich“, sagt er mit einem raschen Seitenblick auf Anne. Er bleibt im Türrahmen stehen und sieht uns nach, bis wir den Wagen erreicht haben.
Im Auto riecht es nach eingetrocknetem Blut und nassem Fell, die Polster auf der Rückbank sind ruiniert. Anne sitzt kerzengerade auf dem Beifahrersitz und sieht nach draußen in die Dunkelheit. Ich setze ein Stück in die Auffahrt der Praxis zurück und lasse den Wagen dann langsam auf die Straße rollen, auf der niemand außer uns unterwegs ist. Kurz bevor wir um die Ecke biegen, schaue ich noch einmal in den Rückspiegel, aber der Tierarzt hat das Licht im Behandlungsraum bereits ausgeschaltet.
© 2006-2020 Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde e.V. / IMPRESSUM / DATENSCHUTZ
Gestaltet von WERLAND Webdesign Darmstadt