Publikation

'CO-RO-NA'

19 Autorenbeiträge zu COVID-19. 19 Reaktionen auf eine Pandemie. Mit Fotografien von Anna Meuer.

Hrsg.: Paul-Hermann Gruner
184 Seiten
Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 2020
ISBN 978-3-87390-447-7
GHL-Nr.: 132

Zum Inhalt

Besondere Zeiten, besonderes Buch.

Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Diese sprichwörtliche Weisheit bewahrheitete sich während der sogenannten Corona-Krise, der Pandemie, die im März 2020 mit voller Wucht auch die Bundesrepublik Deutschland erreichte.
„Das Feuilleton ist der fortlaufende Kommentar zur Politik“, behauptete einst Benno Reifenberg (1892-1970). Recht hatte er. Gleiches gilt für die Kunst, nicht zuletzt die Literatur. Sie reflektiert und kritisiert das Geschehen, sie schaut als Instanz gesellschaftlicher Seismographie auf die Aktionen und Reaktionen in Staat, Medien und Gesellschaft. Und, sofern sie die kleine Form annimmt und nicht die große, sprich: mit der Kurzgeschichte arbeitet und nicht mit dem Roman, ist die Literatur auch sehr schnell mit ihrer Beobachtung und Bewertung.

PH Gruner hat als Herausgeber und Mit-Autor sicher eines der schnellsten literarischen Bücher zur Corona-Krise auf die Beine gestellt. Sein Projekt hat er bereits Anfang April im Kreis der Autoren der Literaturgruppe POSEIDON diskutiert, später kamen neue Autoren außerhalb der Gruppe hinzu. Und so versammelt das Buch zur Pandemie nun 19 Blickwinkel auf COVID-19. Thematisierungen voller Ernst, Empörung, Sarkasmus oder Witz, mit den Werkzeugen der Lyrik, der Glosse, per Essay oder Erzählung.
Bekannte Namen wie Dorit Zinn, Barbara Zeizinger oder Alex Dreppec sind dabei. Die heute in Frankreich lebende Literaturwissenschaftlerin und Autorin Corona Schmiele steuert ein Tagebuch besonderer Art bei: Sie ist die einzige, die infiziert war und heftig mit dem Virus kämpfte. Ebenfalls vertreten: Hans Zippert, der einstige Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“, der tatsächlich seit 1999 täglich die Glosse auf Seite 1 der Tageszeitung „Die Welt“ verfasst. Der Mann ist köstlich. Zippert zählt zu den besten Glossenschreibern der Republik.

Die Fotografin Anna Meuer sorgt für eine besondere Fotostrecke im Buch:
Ihre Motive zeigen Ansichten von Frankfurt während des totalen Shutdowns. Gespenstisch leergefegte urbane Szenerien. Ein Dokument. Und eine Bestätigung für den Satz:
Außergewöhnliche Zeiten benötigen außergewöhnliche Bücher.

In der Presse

Frankfurter Rundschau
"Abrechnung mit Covid-19"
Frankfurter Rundschau
"Herumstromern in der Leere"

Sichtproben


© Anna Meuer



© Anna Meuer

Leseproben

Exzerpt aus dem Text "Die andere Pandemie. Ein streitlustiger Essay zu Virus, Sprache und Globalisierung"
(...) Menschen gehen schrecklich nachlässig mit ihren Sprachen um. Die meisten Blusen, Jacketts, Tortenheber, Briefmarken oder Automobile werden erheblich sorgsamer und pfleglicher benutzt. (...)
(...) Das Deutsche bietet hier seit Jahrzehnten einen typischen Fall ab. Es wird von vielen Muttersprachlern fast peinlichst gemieden. Es wird strategisch beiseite geschoben. Es wird auffällig engagiert an seinen Sprach- und Formulierungsangeboten vorbeigetextet und vorbeigesprochen.

Die Corona-Krise im Jahr 2020 steckt voller Beispiele hierfür. Der „Lockdown“ steht dafür, der „Shutdown“, die verhängnisvoll falsche Aufforderung zur „Social distance“ (es war nicht soziale Distanz, sondern körperliche Distanz gemeint), das „Contact-Tracing“ samt der „Tracing-App“, die „Superspreader“,
das „Home-Office“, das „Homeschooling“, das „Homechurching“, halbdeutsch auch zur „Homekirche“ verformt, und – stellvertretend für viele Netzinitiativen – der millionenfach abgerufene Hashtag #„StayTheFuckHome“, mit dem ein 29 Jahre alter Frankfurter in freundlicher Ansprache seine Mitmenschen aufrief, doch in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Viele Engagierte klebten deutschlandweit zum selben Thema mit Großbuchstaben die Botschaft „Stay at home!“ auf die Innenseiten ihrer Fensterscheiben.
Als wär’s fürs Volk in Downtown Birmingham. (...)
(...) Tatsache ist: Die deutsche Sprachgemeinschaft zeigt kein kulturelles Sprachselbstbewusstsein. Jede Möglichkeit, dieser Sprache oder einzelner ihrer Worte zu fliehen, wird in der Regel genutzt. Corona beweist es paradigmatisch.
Kein Brite, kein Nordamerikaner verdient etwa seine Brötchen in so etwas wie einem Home-Office. Der Begriff ist Paradebeispiel für das Pseudo-Englisch, das zur bestaunten Spezialität des Denglischen geworden ist. Die Deutschen erfinden sich ihr Englisch selbst. Es reicht uns professionellen Dilettanten, dass es klingt wie Englisch. Das adelt jede Suche nach Bezeichnung. Also akzeptieren wir es. Und plappern es rundum nach und nach und nach . . . Einfach herrlich, wie schlicht dies funktioniert. Es braucht wirklich keine Intelligenz. Es braucht nur Konsequenz. (...)
(...) Das Home Office bezeichnet im Englischen das Britische Innenministerium. Wer in Deutschland von zu Hause aus seinen Dienst tat aufgrund der Corona-Krise war also plötzlich Mitarbeiter der britischen Regierung. Die internationale Print-Ausgabe des Magazins TIME fragte während des Corona-Aprils nach, wie sie denn so funktioniere in den Volkswirtschaften, die Remote work. Da haben wir den korrekten Begriff. Das fröhlich unreflektiert „erfundene“ Home Office im Deutschen reiht sich also ein in die peinlich-schrägen Erfindungen wie Handy (Englisch: Mobile), das Public Viewing (Engl. Leichenschau), das Rucksack-Surrogat Body Bag (in den USA der Leichensack), den Beamer (Engl. data projector), den lachhaften Coffee to go (Engl. Take away coffee) und den oberlachhaften Facilitymanager, die wirklich dreiste Wortschöpfung zur Vermeidung des Begriffes Hausmeister. Auf Englisch heißt der Mann Caretaker. (...)
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